Laudatio 2023 Beste deutschsprachige Kurzgeschichte

Deutscher Science-Fiction-Preis
Laudatio beste deutschsprachige Kurzgeschichte 2022:
»Die Grenze der Welt« von Aiki Mira (Pseudonym)
in »Exodus 44«, herausgegeben von René Moreau, Heinz Wipperfürth und Hans Jürgen Kugler,
Eigenverlag René Moreau, ISSN 1860-675X

»Ein Mega-Body-Extender der Kategorie Super Shell!« Diesen großen Roboter steuert Kat auf einer Baustelle auf der Erde. Sie lebt im Inneren des »Mega-Body-Extenders«, denn sie fühlt sich nur in Maschinen zu Hause. In wenigen treffenden Sätzen wird in dieser Geschichte eine Welt mit vielen Details skizziert: Kat hat an Kriegen auf dem Mond teilgenommen. Inzwischen hat sie gesundheitliche Schwierigkeiten, weshalb sie dort nicht mehr arbeiten kann. In ihrer Welt gibt es Menschen, die keine Roboter mögen (sie nennen sie »autonome Monster«), aber auch andere Menschen: »Manche heiraten Robos oder adoptieren Roboterkinder« und: »Manche mögen Maschinen lieber als Menschen«. Kat selbst sucht nach einer Maschine, mit der sie verschmelzen kann, die sie von den »Grenzen ihres menschlichen Körpers« befreit, und findet sie in einem Baugerät: »Im Innern rollt sich ihr zarter Fleischkörper zusammen und schließt die Augen.« Nur dort »fühlt sie sich komplett, ganz sie selbst – endlich vollkommen!«

Ein Junge mit einem »sonderbar symmetrischen Lächeln« beobachtet sie auf der Baustelle. Sie kommen ins Gespräch und wir erfahren mehr und mehr über Kat. Der Junge fühlt sich zu ihr hingezogen und auch sie »glaubt, ihn zu verstehen«. Die Begegnung ist einfühlsam und berührend beschrieben.

Für Kat markieren Geschichten die Grenzen unserer Welt. Dies ist eine Abwandlung einer Aussage von Ludwig Wittgenstein: »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt«. Dabei sind die Grenzen unserer Welt sowohl die körperlichen als auch die Grenzen dessen, was wir denken und wahrhaben wollen. Und die Grenzen dessen, was wir ein- und ausschließen.

Wir sind die Geschichten, die wir erzählen. »Ohne sie gehen wir verloren.«

Dann überwindet der Junge den Bauzaun. Er überwindet eine reale Grenze, tritt ein in Kats Welt, und es kommt zur Katastrophe …

Kats Beruf, das Schicksal ihrer Mutter, die von einer Maschine am Leben erhalten wird, Kats Beziehung zum Body-Extender und zum Jungen und auch was dieser Junge wirklich ist: Schließlich passt alles zusammen und zeigt verschiedene Facetten unseres Verhältnisses zu Maschinen und verschiedene Erweiterungen unserer Welt. Wie in anderen Geschichten auch, so findet sich in dieser Geschichte von Aiki Mira immer wieder eine weitere Ebene. Es lohnt sich, Schicht um Schicht freizulegen und weitere Verknüpfungen zu entdecken.

Kat ist eine starke Protagonistin, die Probleme hat, ihre Vergangenheit zu bewältigen, und durch einen kleinen Jungen aus ihrer selbstgewählten Isolation geholt wird. Im Glauben, ihm das Leben zu retten, opfert sie ihr eigenes, um erst im Sterben zu begreifen, dass er nicht ist, was er scheint. Dies gibt ihr zugleich die Möglichkeit, vor ihrem Tod noch Dinge in Ordnung zu bringen.

Die Geschichte ist in einer dichten, rhythmischen Sprache geschrieben, jener besonderen Prosa, die Aiki Miras Texte so auszeichnet und unverwechselbar macht. Eine bewegende, sehr poetische Geschichte mit einem tragischen und auch fantastischen, traumartigen Ende. Das Bild der Frau, die in dem riesigen Exoskelett so unzerstörbar wirkt und doch so verletzlich ist, berührt zutiefst.

Aus diesen Gründen freut sich das Komitee, »Die Grenze der Welt« von Aiki Mira mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis 2023 auszuzeichnen.

Franz Hardt
– für das Preiskomitee –
im Oktober 2023